Jugendstil. Wer mit Kunstgeschichte wenig vertraut ist, mag sich über dieses Kompositum wundern. „Jugend“ und „Stil“ sind im Grunde ganz geläufige Wörter, zusammen aber ergeben sie einen etwas verwirrenden Begriff.Der Ausdruck bezeichnet eine bedeutende internationale, avantgardistische Kunstströmung, die sich um 1900 (1890-1914) in allen grossen Städten Europas als Reaktion auf die akademischen Schulen entwickelte. Die gemeinsame Grundidee war einfach: Die wahre Ästhetik sollte im Naturstudium und nicht in den antiken Modellen des Klassizismus (Historismus) gesucht werden.
Der Begriff Jugendstil ist vom Titel der 1896 in München gegründeten Zeitschrift „Die Jugend“ abgeleitet. Die französische Bezeichnung für den Jugendstil, Art nouveau, wurde Ende des 19. Jahrhunderts von belgischen Kunstkritikern geschaffen. Ab 1895, als der deutsche Kunsthändler Siegfried Bing in Paris eine Galerie namens Maison Art nouveau eröffnete, setzte sich dieser Name schnell durch.
Es ist schwierig, diese komplexe kunstgeschichtliche Bewegung am Anbruch des 20. Jahrhunderts zu definieren, denn jedes Land, das den Jugendstil aufgriff, setzte unterschiedliche Schwerpunkte bezüglich Ausprägung und Dauer. So verwendet heute jede Sprachregion eigene Begriffe für diese Kunstströmung, die z. T. vom Namen eines Künstlers oder Ortes herrühren: Jugendstil (Deutschland), Sezessionsstil (Österreich), Style Guimard, Art nouveau, Style 1900 (Frankreich), Modernisme (Spanien), Stile Liberty (Italien), Arts and Crafts, Glasgow Style oder Modern Style (Grossbritannien), Nieuwe Kunst (Niederlande), Style sapin (La Chaux-de-Fonds). Dazu kommen noch verschiedene Übernamen, z.B. Style anguille (Bandwurmstil), Style nouille (Nudelstil) oder Style coup de fouet (Peitschenstil).